was die – innere und äussere – Welt mit uns macht

Kürzlich habe ich einen Satz gelesen, der mich seither nicht mehr loslässt. Er stammt vom deutschen Philosophen Martin Heidegger. Er schreibt: „Das Seiende wird nicht seiend dadurch, dass erst der Mensch es anschaut (…). Vielmehr ist der Mensch der vom Seienden Angeschaute.“ Was soll das heissen? Und was soll das mit Psychotherapie zu tun haben?
Vielleicht könnte man es so verstehen: Durch die Brille der Moderne sind wir zur Auffassung gekommen, dass der Mensch die Welt untersuchen und verändern kann. Dies war der Anspruch der philosophischen Aufklärung. Mittlerweile haben viele gesehen, dass es komplizierter ist. Der Mensch kann versuchen zu verstehen oder zu verändern. Er lernte aber auch, dass seine Untersuchung, sein Verständnis, ganz wesentlich von seiner Wahrnehmung abhängen. Daneben gibt es eine Vielzahl anderer Wahrnehmungen und damit andere Untersuchungen und andere Verständnisse. Sie wechseln mit den Personen und mit den Zeiten, in denen wir leben.
Die Welt aber schaut uns an. Die Welt – das ist der äussere Mensch, der Vater, die Mutter, unsere Gesellschaft und Kultur. Aber vielleicht ist es auch unsere innere Welt, die uns anschaut. Sie alle betrachten uns und wir sind die von ihnen Angeschauten.
Dies erregt häufig unseren Unmut, unsere Verzweiflung oder unsere Angst. Was machen die mit uns? Was meinen die eigentlich?
Und dies ist möglicherweise der Punkt, wo die psychoanalytischen Überlegungen einsetzen können: Welche Antworten können wir auf die Kräfte finden, die uns in unserem Leben geformt, bestimmt, gefördert oder entmutigt haben?
So können wir sagen: Nicht dass wir lernen müssen, die Welt in irgend einer Form ‚richtig‘ anzuschauen, sondern, dass wir Antworten auf die Fragen finden müssen, was die – innere und äussere – Welt mit uns macht. Und gemacht hat.
Das „angeschaut Werden“, von dem Heidegger spricht, wird in dem Mass erträglicher wie es uns gelingt, unser eigenes Seiendes, unsere Eigenart kennen und akzeptieren zu lernen. Und um das geht es in einer psychoanalytischen Auseinandersetzung.

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